19.04.2020 - Sonntag Quasimodogeniti

Gruß zum 19. April 2020

Sonntag Quasimodogeniti (Wie die neugeborenen Kinder)

 

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‚Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?‘ Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“                                                           Jesaja 40, 26-31

 

Liebe Gemeindeglieder,

wie ging es Ihnen, als am vergangenen Mittwoch von unserer Regierung die neuen / alten Regeln zum Verhalten in der Coronakrise verkündigt wurden? Gefreut haben sich wohl die wenigsten darüber. Weiterhin Kontaktbeschränkungen, keine Möglichkeit, zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen zusammenzukommen, eine Rückkehr zur gewohnten „Normalität“ in weiter Ferne. All diese Maßnahmen, so umstritten sie in der Fachwelt auch sind, zeigen uns, dass das Virus noch lange nicht besiegt ist. Doch, was machen sie mit uns Menschen, welche Auswirkungen haben sie auf uns?

Ich denke, viele Schüler und Eltern lernen erstmals so richtig den Segen einer Schule zu schätzen. Auch die Möglichkeit, seinen Nachwuchs in einer Kita abzugeben, wo die Kleinen behütet und sinnvoll betreut werden, stellt sich ganz neu als gute und sinnvolle Errungenschaft heraus.

Viele leben jetzt wie sonst nach dem Motto: ‚Na, dann machen wir halt das Beste daraus‘. Anderen jedoch gelingt das nicht so recht. Etliche sind niedergeschlagen bis zur Verzweiflung, weil ihnen die Kontakte zu anderen fehlen. Manche sind gereizt, weil sie das Zusammenleben auf engem Raum nicht gewöhnt sind und ihnen die Abwechslung fehlt. Nicht wenige blicken sorgenvoll in die Zukunft, weil ihnen die Verdienstmöglichkeiten weggebrochen sind und die fehlenden Einnahmen nicht zu stopfende Löcher reißen. Für einen Großteil der Gesellschaft trifft das zu, was auch schon unser Bibeltext beschreibt: müde und matt.

Nun lässt sich unsere heutige Situation nur schwer mit der damaligen vergleichen, in der unser Bibeltext verfasst worden ist. Damals war das Volk Israel nach verzweifelten Abwehrkämpfen doch vom übermächtigen Babylon erobert und in die Gefangenschaft geführt worden. Und dort, in der Fremde, unter fremder Herrschaft und mit den Bildern ihrer getöteten und massakrierten Angehörigen und des zerstörten und brennenden Jerusalems vor Augen, sind die Leute müde und matt, straucheln und fallen, sind sie am Boden zerstört. Die Frage und Klage, die sich ihnen aufdrängt, lautet: Ist mein Weg durchs Leiden Gott verborgen?

Aber damit, liebe Gemeinde, sind wir genau bei uns, in unserer Zeit und Situation, bei den Fragen, die viele heute und in Zeiten persön-licher Not umtreiben: so eine furchtbare Seuche, so viele Tote trotz der besten medizinischen Betreuung aller Zeiten, so viel Leid, Ratlosigkeit, Strauchel und Fallen, matt und müde Sein! Achtet Gott nicht mehr auf uns, hat er sich abgewandt, sind wir ihm egal?

Doch Gott führt uns mit gewaltigen Bildern vor Augen, dass er sehr wohl weiß, wie es um uns steht. Durch den Propheten fordert er uns auf, in einer sternenklaren Nacht an den Himmel zu schauen und die Weite und unzählbare Menge an Sternen zu bestaunen. Hier sollen wir erkennen, was für ein wunderbarer und mächtiger Schöpfer hinter diesem Werk steht. Er hat alles geschaffen, auch jeden von uns, aber nicht wie ein Uhrmacher, der sein Werk fertigstellt und es dann allein laufen lässt, sondern er ist es, der es am Laufen hält und sich um jedes Detail selber kümmert. Er kennt auch die Details unseres Lebens, ist interessiert daran und kümmert sich darum. Wenn wir nun manches, was um uns und mit uns geschieht, nicht verstehen, dann liegt es oftmals daran, dass wir Gott und sein Handeln mit unserem Verstand und unseren Maßstäben nicht erfassen können. Es übersteigt all unsere „Vernunft“. Trotzdem ist er unaufhörlich aktiv und arbeitet daran, uns einen erfüllten und zielführenden Lebensweg zu bereiten.

So ist nun die alles entscheidende Frage: wie komme ich heraus aus den Nöten, die mich gefangen halten; wie bekomme ich Anteil an Gottes Kraft? Und seine Antwort: durch das Harren auf ihn!

Harren ist ein Wort, welches in unserer Alltagssprache nicht mehr vorkommt. Aber es ist schade, dass wir dabei sind, es zu vergessen. Denn es meint ein angespanntes Warten, ein sehnsuchtsvolles sich Ausstrecken, verbunden mit Wachen und Beten. Sich auf Gott zu konzentrieren und vertrauensvoll alles von ihm zu erwarten. Wer harrt, bleibt dran und gibt nicht auf, auch wenn der Augenschein dem Erwarteten zu widersprechen scheint.

Das ist nicht immer ganz einfach. Wenn wir zu müde oder zu leer sind zum Beten, trotzdem dranzubleiben. Es ist wohl eine lebens-lange Übung: auf den Herrn zu harren, still zu werden, sich Zeit zu nehmen, sich in sein Wort zu vertiefen, alle Anspannung an ihn zu binden. Wir dürfen ihn darum bitten, uns die Kraft dazu zu geben. Er hat uns versprochen, sie uns zu schenken. Das Vertrauen auf ihn lohnt sich.

Paul Gerhardt hat es mal so formuliert:

„Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn.“

Liebe Gemeindeglieder, ich wünsche Ihnen diesen vertrauensvollen Blick auf Jesus, der Sie in den schwierigen Situationen des Lebens nicht zu verzweifeln lässt, sondern neue Kraft schenkt. Amen.

 

Ihr Pfarrer Ronald Kleinert