29.03.2020 - Sonntag Judica - („Richte mich“ bzw. „schaffe mir Recht“ – Psalm 43, 1)

Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.

 Hebräer 13, 11-14

 

Liebe Gemeindeglieder,

einige von uns sind vor fast 2 Monaten in Jerusalem die Via Dolorosa entlanggegangen und haben dabei so etliche von den 14 Stationen des Kreuzweges von Jesus besucht und dort gehört, was jeweils an diesem Ort geschehen ist. Manch andere kennen Dar-stellungen der verschiedenen Kreuzwegstationen aus katholischen Kirchen, wo man sich speziell in der Karwoche an ihnen versammelt und des Geschehens dort gedenkt.

Die Sonntage der Passionszeit sind ebenfalls so etwas wie Stationen auf dem Weg zum Kreuz, wobei wir an jedem einzelnen von ihnen an einen Aspekt der Leidensgeschichte Jesu erinnert werden. Es gibt ja viele Geschichten vom Leiden in dieser Welt. Pausenlos wird hier gelitten und gestorben – durch Krieg und Terrorismus, auf Flüchtlingsrouten und in Lagern, durch Unfälle und Krankheiten. Auch die gegenwärtige Krankheitswelle bringt unsagbar viel Leid und Tod für viele Menschen mit sich. Leidensgeschichten, die viele Gesichter haben. Aber nur eine heißt: „Die Leidensgeschichte“. Und sofort wissen wir, was damit gemeint ist.

Auch unser heutiger Text zeigt uns einen Aspekt, der uns das Leiden und Sterben Jesus und seine Bedeutung für uns Menschen nahe bringen und erschließen möchte.

Zunächst wird uns vor Augen geführt, wie die Opferpraxis in alter Zeit von statten ging. Dass unser Leben vor Gott nicht in Ordnung ist und wir ihm dafür irgendwie Genugtuung leisten müssen, damit unser Verhältnis zu ihm wieder in Ordnung kommt – das wussten die Menschen schon seit sehr langer Zeit. Und dass diese Verfeh-lungen derart schwerwiegend waren, dass zu ihrer Wiedergut-machung nicht nur ein paar Früchte oder Getreidekörner ausreichen würden, das war unseren Altvorderen ebenfalls deutlich.

Nein, Blut - als Träger des Lebens - musste es sein. Und so wurden bei den Israeliten regelmäßig Tiere geopfert, um mit Gott ins Reine zu kommen.

Diese Opferzeremonien wurden nun nicht innerhalb des Zeltlagers oder später der Stadtmauern abgehalten, sondern draußen, außerhalb. Das gleiche hat man auch mit Jesus getan: ihn außerhalb der dama-ligen Stadtmauer hingerichtet, geopfert. Warum? Der Schreiber des Hebräerbriefes drückt es so aus: damit er das Volk heilige. Was heißt das denn?

Heilig ist kein Qualitätsbegriff, so wie wir uns das oft vorstellen: „So heilig bin ich nicht“ im Sinne von „ich bin kein perfekter, untadeliger und überaus frommer Mensch“. Vielmehr bezeichnet ‚heilig‘ ein Besitzverhältnis. Heilig ist, wer oder was zu Gott gehört und Gott dienen soll. Wenn Jesus Menschen heiligt, dann meint das, dass er uns brauchbar macht für Gott. Und das tut er, indem er unsere Schuld wegnimmt, indem er uns seinen Geist gibt, der uns mit Liebe erfüllt und verändert, und indem er uns in seine Nachfolge ruft, also in seinen Dienst nimmt. So vollbringt Jesus durch sein Opfer „draußen vor dem Tor“ die große Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, an der jeder teilhaben kann, der diese Tat für sich geschehen lässt und im Glauben annimmt. Dadurch werden wir heilig.

Der nächste Vers fordert uns auf, Christus konkret nachzufolgen. Aufbruch und Leiden (mit Christus bzw. um Christi willen). Das eine fällt uns schwer, das andere lehnen wir zumeist dankend ab. Wir sind in unserer westlichen Welt heute eine satte, leidensscheue und wenig flexible Christenheit geworden, die unter den gesell-schaftlichen Gruppen unserer Zeit kaum noch auffällt, weil es uns an missionarischer Ausstrahlung fehlt.

Doch als Christen sind wir aufgefordert, Jesus nachzufolgen und dort zu sein, wo er ist. Dort, wo Menschen leiden und schuldig werden. Dort, wo Menschen von Hunger, Hoffnungslosigkeit und Unfrieden bedroht sind. Dort ist auch unser Platz, wo wir praktische Hilfe geben und Gemeinschaft schenken und für Versöhnung sorgen können. Und wo wir auf ihn hinweisen sollen, der Menschenleben neu macht. Ja,  das ist nicht einfach! Aber wer hat uns versprochen, dass unser Leben und auch unser Leben als Christ einfach wird? Was wir aber wissen dürfen ist, dass er, unser Herr und  Hirte, diesen Weg mit uns geht, dass wir uns auf ihn stützen und ihm vertrauen können. Und: ein Leben mit Christus lohnt sich! Es ist ein Leben, das sinnvoll und erfüllt ist. Wir dürfen an seinem Rettungs- und Versöhnungswerk mitarbeiten und teilhaben an der großen Zuversicht, die er uns eröffnet hat.

Denn unser letztes Ziel liegt nicht in dieser Welt, sondern es ist Gottes Stadt, sein ewiges Reich. Wer dieses Ziel vor Augen hat, kann dieses Leben bestehen und diese Welt aushalten. Amen.

 Pfr. Ronald Kleinert